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Tabuzone

«Keine Scham vor der Vulva»

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«Keine Scham vor der Vulva»
  • © Juliana Notari*

Es ist das Organ im weiblichen Körper, worüber Frauen am liebsten nicht sprechen würden,
die Vulva. Kein Wunder, ist sie doch mit grosser Scham behaftet. Woran das liegt und warum es auch aus medizinischen Gründen gilt, dieses Organ endlich aus der Tabuzone zu holen, erläutert Prof. Dr. Viola Heinzelmann-Schwarz.

Kontakt

Tumorzentrum Universitätsspital Basel

Prof. Dr. med. Viola Heinzelmann-Schwarz, Leiterin der Frauenklinik

Chefärztin Gynäkologie und Gyn. Onkologie Leiterin Gyn.

Web: www.usb.ch/tumorzentrum

«Keine Scham vor der Vulva»

Frau Professor Heinzelmann-Schwarz, alle Welt spricht bei der gynäkologischen Krebsfrüherkennung über Brustkrebs. Warum findet die Vulva, unter der sämtliche äussere primäre Geschlechtsorgane zusammengefasst werden, kaum Erwähnung?
Das ist das Areal, welches zu den Tabubereichen der Frau zählt – erstaunlicherweise. Bereits über die Gebärmutter und die Eierstöcke wird wenig geredet, bei der Vulva jedoch ist gänzliches Schweigen angesagt. Das fängt schon in frühester Kindheit damit an, dass man bei den Jungs für den Penis einen Namen hat, aber eben selten für die Vulva bei den Mädchen. Ganz grundsätzlich könnten die Ursachen an der Unkenntnis der Anatomie und der Funktion des Organs liegen. Vielleicht haben viele Menschen auch das Gefühl, dass es kein schönes Organ ist. Die genauen Gründe für die Tabuisierung sind jedoch extrem schwer auszumachen.
Welche Erfahrungen haben Sie in Sachen Scham in Ihren Sprechstunden gemacht?
Das deckt sich mit dem Beschriebenen. Oft kommt es vor, dass ältere Frauen sich gar nicht trauen zu sagen, dass es im Bereich der Vulva juckt – auch weil sie Angst haben, sich etwas «eingefangen» zu haben und nun unter einer Geschlechtskrankheit zu leiden. Dies führt zu einem Schamgefühl, was sich – wie meine Patientinnen berichten – sogar auf so manche Hausärzte überträgt, mit der Folge, dass die Diagnose hinausgezögert wird. Nicht selten wird ein Juckreiz an der Vulva als eine Pilzinfektion abgetan, was wirklich unqualifiziert ist. Dabei könnte dies ein Indiz für ein Vulvakarzinom sein.

Wie ermuntern Sie Frauen, ihre Scham auszublenden und die Vulva als gleichberechtigtes Organ zu sehen?
In meiner Sprechstunde sehe ich mir immer im Rahmen der gynäkologischen Kontrolle die sogenannten Labien an und sage dann auch, wenn das äussere Genital unauffällig ist. Dadurch erhalten die Patientinnen ein Bewusstsein. Das Wichtigste ist, dass man selbst nicht mit Komplexen an das Thema herangeht. Dies bemerken die Frauen sofort. Am besten ist es, die Dinge offen anzusprechen und sie als ganz normal in den Vordergrund zu rücken. Die Vulva ist ein ganz normales Organ, welches ich meinen Patientinnen oft auch im Spiegel zeige. Aufklärungsarbeit ist hier ganz entscheidend. Und je lockerer man mit dem Thema umgeht, umso besser ist es für die Patientin.

Gerade aus medizinischen Gründen gilt es, Erkrankungen der Vulva aus der «schambehafteten Ecke» zu holen. Wie Krebsstatistiken aus den Niederlanden und aus Deutschland zeigen, hat sich die Zahl der Patientinnen mit einem Vulvakarzinom in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt. Welche Gründe stecken dahinter?
Dies liegt unter anderem an der älter werdenden Bevölkerung. In der Regel sind Frauen um das 70. bis 80. Lebensjahr betroffen. Eine Ursache sind die Humanen Papillomviren, kurz HPV. So wie Gebärmutterhalskrebs durch Humane Papillomviren entstehen kann, ist dies auch an den Schamlippen möglich. Heute kann man dagegen impfen, aber früher war das nicht der Fall.

Was kann darüber hinaus der Auslöser für die Entstehung eines Vulvakarzinoms sein?
Die zweite wichtige Ursache ist eine Hauterkrankung der Vulva: der Lichen sclerosus. Hierbei kommt es zu Veränderungen der Haut, bei der die Elastizität nachlässt und die Haut pergamentartig wird. Sie wird trockener, dünner, verletzlicher. Viele Frauen haben starken Juckreiz. Wird die Erkrankung nicht erkannt kann schliesslich ein Vulvakarzinom entstehen.

Welche Veränderungen sind noch markant und wie kann frau diese selbst erkennen?
Ursache für ein Vulvakarzinom kann eine nicht abheilende Wunde im Bereich der Labien sein. Aber auch Schmerzen können ein Indiz für diese eher seltene Krebsart sein, welche schweizweit pro Jahr zwischen 100- und 200-mal vorkommt. Das Problem ist, dass eine Selbstdiagnose mit einem Spiegel nicht einfach ist, was vor allem für ältere Patientinnen gilt. Grund, weshalb die jährliche Kontrolle so wichtig ist – auch, um ein Lichen sclerosus bereits im Frühstadium zu entdecken.

Wie wird Lichen sclerosus behandelt?
Internationaler Standard ist eine kortisonhaltige Salbe. Ebenso zentral ist das Eincremen des Organs mit einer fetthaltigen Creme oder einem Öl, wenn möglich täglich. Auf diese Weise kann man einen Lichen sclerosus sehr gut in den Griff bekommen und zumeist ein Vulvakarzinom verhindern.

Sollte es doch dazu kommen, was ist dann zunächst zu tun?
Tritt eine Wunde, andauernde Rötung, Erhebung, Schwellung oder Verhärtung der Vulva auf, sollte dies ärztlich kontrolliert werden. Wenn es tumorverdächtig ist, sollte die Patientin in ein spezialisiertes Zentrum überwiesen werden. Hier wird weiter abgeklärt.

Ist ebenso eine pathologische Untersuchung notwendig?
Ja, richtig. Dann braucht es eine Stanz­biopsie, um zu beweisen, dass es sich um eine Tumorerkrankung handelt. Ist der Befund positiv, gilt es zu schauen, wo sich die Lokalisation befindet. Ist sie bei den grossen oder kleinen Labien, in der Nähe der Klitoris oder geht sie eher in Richtung Anus. Auch vor dem Hintergrund des Streuungspotenzials in die Leisten-Lymphknoten sollte die Lokation so exakt wie möglich erfolgen: Je mehr der Tumor in der Nähe der Mittellinie und vor allem bei den kleinen Schamlippen ist, umso mehr streut er in beide Leisten. Zudem ist es wichtig zu wissen, wie tief das Karzinom liegt. Je oberflächlicher es ist, umso besser die Behandlungsmöglichkeiten und die Heilungschancen. Von einem frühen Stadium ist dann die Rede, wenn der Tumor unter vier Zentimeter im Durchmesser misst, nicht mehr als einen Millimeter in die Tiefe gewachsen ist und keine Lymphknoten befallen sind.

Wie wird im frühen Stadium therapiert?
In diesem Fall wird der Tumor operativ mit einem kleinen Sicherheitsabstand entfernt. Zur Sicherheit werden zudem die Lymphknoten in der Leiste entfernt. Anschliessend ist die Therapie abgeschlossen. Konnte der Tumor nicht erfolgreich entfernt werden, wäre der nächste Schritt eine Bestrahlung. Häufig kommt es jedoch dabei zu einer Schrumpfung der Vulva und Vagina.

Genau zu diesem Zweck haben Sie die sogenannte Dilatatoren-Sprechstunde entwickelt. Was kann man sich darunter vorstellen?
In der Therapie betreut unsere «Gynecological Cancer Nurse» Patientinnen mit Vulvakarzinom im Umgang und in der Pflege mit diesem Organ. Neben dem Einsatz verschiedener Pflegeprodukte wie Cremes und zum Teil hormonellen Therapien erklärt sie auch den Umgang mit Dehnungsstäben. Diese Plexiglasstäbe werden in langsam zunehmender Grösse angewendet, um die Vagina vor Verklebung und Verkürzung zu schützen. Dies sollte allerdings regelmässig geschehen. Wichtig ist es, die Patientinnen von der Normalität des Umgangs mit Dehnungsstäben zu überzeugen und ihnen gleichzeitig die Scham zu nehmen.

Wie sind die Heilungschancen bei einem Vulvakarzinom?
Je früher wir den Tumor entdecken, umso besser sind die Chancen, den Krebs zu heilen. Grundsätzlich heilt die Wunde nach einer Operation sehr gut. Dennoch haben viele Patientinnen danach Hemmungen, sich die Vulva anzusehen oder wieder Geschlechtsverkehr aufzunehmen. Hierbei ist es auch wichtig, die Partner mit einzubeziehen, weil auch diese oft Angst haben, Schmerzen zu verursachen. Wir versuchen also, beide mit der Vulva wieder vertraut zu machen, indem wir die meist hervorragenden kosmetischen Resultate im Spiegel miteinander anschauen und zeigen, dass dieses nach der Therapie noch «normal» aussieht.

*Juliana Notari

artista, pesquisa
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+55 21 965568183
Recife, Brasil

veröffentlicht: 22.10.2021